Die Erlösung: American Honey

16.10.2016

Ein kurzer Off-Topic-Beitrag zu einem Kino-Film. Weil es gerade zum Lebensgefühl passt ...

"Amercian Honey" ist seit drei Tagen in den Kinos und ja, der Streifen hat mich ziemlich gefesselt. Es ist einer jener Filme, bei denen man eine starke Botschaft spürt, die jedoch mit viel Symbolik verschlüsselt ist. Die kleine Off-Topic-Notiz hier dreht sich vor allem um die letzte Szene des Films, also besser nicht lesen, wenn man den Streifen noch nicht gesehen hat.

Auf der Suche nach ein paar Deutungshilfen bin ich über einige Rezensionen gestolpert, und natürlich wird der Film überwiegend kulturpessimistisch interpretiert: Für die "Welt" ist der Sehnsuchtsort USA im Kern verrottet. Wenn sich ein Ölarbeiter Nachts in seinem Auto an einem brennenden Ölfeld aufgeilt, also der Quelle des Reichtums und dem Schmierstoff des Kapitalismus, und sich dabei für 1000 Dollar von Star, dem "Star" des Films, einen runterholen lässt, dann scheinen die Flammen auf dem Ölfeld tatsächlich direkt aus der Hölle zu kommen. Und wenn Star dann wenig später - von ihrer großen Liebe Jake zur Rede gestellt - die 1000 Dollar für ihr gemeinsames Glück anbietet, dann ist nach dem großen amerikanischen Traum wohl auch ihr kleiner Traum von der Zweisamkeit ohne die Zwänge der Drückerkolonne endgültig geplatzt.

Aber der Film endet nicht mit dieser Szene und es geht auch nicht nur um den Reichtum als Verheißung des amerikanischen Traums: Amerika war auch immer ein Ort der Freiheit und die Freiheit war immer auch Teil des amerikanischen Traums. In dem Film erscheint diese Verheißung von Freiheit zuerst als Drückerkolonne, die Star aus der hoffnungs- und perspektivlosen Armut befreit und mit einem Bus auf eine Reise durch die USA mitnimmt. Die Reise durch die USA, auch ein Traum von vielen, entpuppt sich für Star allerdings schnell als die fahrende Version eines entmenschlichten Turbo-Kapitalismus, mit strengen Hierarchien, verbotener Liebe und martialischen Bestrafungs-Riten für diejenigen, die nicht genug Leistung erbringen. Aber natürlich auch mit dem Schutz, den Freundschaften und der Liebe, die in dieser kleinen Gemeinschaft entstehen.

Die Themen Gefangenschaft und Befreiung bleiben auf der gesamten Reise präsent, zum Beispiel wenn in der Ferne ein paar Wildpferde auf der Wiese stehen oder wenn Star bedrückt den gefangenen Kühen in einem Truck nachschaut. Die Befreiung wird auch thematisiert, wenn Star eine im Pool gefangene Biene rettet und später eine Biene in einem Haus einfängt und anschließend in die Freiheit entlässt. In einer surrealen Schlüssel-Szene begegnet Star im Morgengrauen dann einem großen Bären, wohl dem letzten Relikt von ungebändigter Natur, Wildnis und Freiheit. Er setzt sich ihr gegenüber und scheint ihr zu sagen: Du bist ich, ich bin in dir, was macht ihr mit der Natur und was macht ihr mit eurer Freiheit?

In der letzten Szene tanzt die Drückerkolonne in der Nacht ekstatisch um ein Lagerfeuer. Jake, der die Kolonne zwischenzeitlich enttäuscht verlassen hatte, ist wieder zurück. Er tanzt Star kurz an und übergibt ihr eine kleine Schildkröte.

Die Regisseurin Andrea Arnold hat in einem Spiegel-Interview gesagt, dass alle Bilder sehr bestimmt sind und sie ganz genau weiß, wofür zum Beispiel diese Schildkröte steht. Ich hab lange darüber gerätselt: Allgemein verbindet man mit Schildkröten Attribute wie Weisheit, in China gibt es wohl die Tradition, seiner Geliebten durch die Übergabe einer Schildkrötenfigur einen Heiratsantrag zu stellen. Würde gut passen, aber China und der amerikanische Traum?

Die Schildröte ist vielleicht eher das Leben in seinem selbst gebauten Schutzpanzer oder auch in seinem selbst geschaffenen Gefängnis. Jake bietet es Star an, sei es nun als gemeinsames Leben im eigenen Haus (Jakes Traum), oder als Leben in der schützenden Gemeinschaft der Drückerkolonne, die im Bus den Zwängen der Armut entflieht und dem Traum vom Geld nachjagt. Und was macht Star? Sie entscheidet sich ein letztes Mal für die Freiheit und für die Befreiung, und zwar auch für sich selbst: Zuerst entlässt sie die Schildkröte am Ufer des Sees in die Natur um gleich danach selbst in den See zu steigen und vollständig unterzutauchen. Doch kurz bevor man an einen Suizid denkt, taucht sie wieder auf, kraftvoll, stärker und größer als zuvor. Die Kamera zoomt dicht heran und macht Großaufnahmen von den Tropfen, die von ihrem Körper und ihren Haaren abperlen wie von einem Titan, der gerade dem Ozean entstiegen ist.

Bei der Szene denkt man direkt an eine Taufe oder vielmehr noch an eine Katharsis, eine Selbstreinigung und eine Selbstbefreiung. Star wird eins mit der Natur und die zuvor von Star befreiten Fliegentiere verschmelzen in Form von Glühwürmchen mit dem Sternenhimmel. Eine Erlösung und Befreiung von der Armut, der Jagd nach Geld und dem materiellem Glück. Und vielleicht die Wiedergeburt des amerikanischen Ur-Traums von grenzenloser Freiheit und Wildnis, der vor hunderten von Jahren viele Europäer auf den Kontinent gelockt hat. Zumindest wenn man dem Film eine positive Botschaft entlocken will…

Too much? Ich glaube nicht, denn die ganze Szene wird untermalt mit dem fast schon messianischen Song "God’s Whisper" des amerikanischen Rappers und Songwriters Raury (American Beauty ist in vielen Teilen eine ausgedehnte Aneinanderreihung nachgedrehter Musik-Videos):

I won’t compromise I won’t live a life On my knees You think I am nothing I am nothing You’ve got something coming Something coming because

I hear God’s whisper Calling my name It’s in the wind I am the savior (Sing it again!) Savior Savior (I can’t hear you! What?) Savior (What?) Savior

We are indigos (Savior, Savior) Living lives we chose (Savior, Savior) Show you’re brave Those will faith (Savior, savior) On a mission Led by intuition You should listen because

I hear God’s whisper Calling my name It’s in the wind I am the savior I hear God’s whisper Calling my name It’s in the wind I am the savior We are the saviors!_

So viel Botschaft hat das Kino schon lange nicht mehr gesehen. Läuft hier in Montreal allerdings nur in einem kleinen Programm-Kino und auch das war ziemlich leer. Hoffentlich findet es in den USA ein größeres Publikum …

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