Wie eine Webseite entsteht (2): Die richtige Herangehensweise

18.12.2014 | Idee

Mut machen, bevor es ernst wird: Eine kleine Lehre über die Kunst des Scheiterns und die richtige Herangehensweise bei Webprojekten.

Im ersten Teil der Serie über die Entstehung von Webprojekten ging es darum, eine Vision für den Relaunch dieser Seite (trendschau.net) zu entwickeln: Kurz gesagt soll die Trendschau den Lesern dabei helfen, eigene Web-Ideen umzusetzen. Die Hilfestellungen sollen gleichzeitig auch das Verständnis für die Arbeit des Product Owners erhöhen.

Aus einer verschwommenen Idee eine klare Produkt-Vision zu formulieren, war ja schon nicht ganz einfach. Noch viel schwerer fällt es den meisten Menschen, ihre Vision anschließend in Pixel zu meißeln oder zumindest einen ersten Schritt in diese Richtung zu gehen. Stattdessen wird bereits in diesem frühen Stadium oft der Ruf nach Entwicklern, Designern oder sogar Investoren laut. Dabei bräuchte man eigentlich nichts weiter als einen Stift und ein Blatt Papier. Woran liegt das?

Die Lust am Scheitern

Aus meiner Sicht gibt es zwei Gründe: Einmal kennen natürlich gerade Neueinsteiger die richtigen Methoden und Tools noch nicht, sodass man ohne fremde Hilfe schlicht und ergreifend nicht weiter weiß. Entscheidender dürfte aber die omnipräsente Angst vor dem Scheitern sein: Je früher ich die Umsetzung eines Projektes in fremde Hände legen kann, desto weniger kann ich für dessen Scheitern verantwortlich gemacht werden. Und je größer und komplexer meine Idee ist, desto länger kann ich die Stunde der Wahrheit hinauszögern. Was hier bewusst überspitzt klingt, dürfte im Kern jedoch eine weit verbreitete (unbewusste) Ausweichstrategie sein. Zumindest habe auch ich vor vielen Jahren so angefangen.

Zitat Samuel Beckett: Bild: Flickr

Um den Gründern die Angst vor dem Scheitern zu nehmen und die gesellschaftliche Akzeptanz von Fehlern zu stärken, sind in den letzten Jahren immer häufiger "FailCons" abgehalten worden, also Veranstaltungen, auf denen Gründer offen über ihr Scheitern berichtet haben. Das war zwar eine nette Idee, beruhte am Ende aber eher auf einem Missverständnis: Scheitern ist kein versehentlicher Ausrutscher, für den man eine öffentliche Katharsis veranstalten müsste, sondern das Scheitern, oder zumindest Fehler, sind ein notwendiger Bestandteil und eine immanente Voraussetzung für den Erfolg.

Den Grundgedanken der modernen (agilen) Produktentwicklung kann man mit einem kurzen Satz auf den Punkt bringen: Scheitere ("fail") so schnell du kannst!. Auf den ersten Blick klingt die Empfehlung (die unter anderem der bereits erwähnte Roman Pichler gibt) absurd. Auf den zweiten Blick macht sie aber in jeder Hinsicht Sinn. Denn dieser Leitsatz hat sich vor dem Hintergrund vieler gescheiterter Projekte entwickelt, die erst mit großem Aufwand im geschlossenen Raum ersonnen und perfektioniert wurden, bevor sie dann beim User gnadenlos durchgefallen sind. Ein Beispiel dafür ist die (immer noch existierende und damit nicht komplett gescheiterte) Lernplattform Scoyo, die Bertelsmann zwischen 2007 und 2009 mit großem Aufwand auf die Beine gestellt hatte. Nach dem Launch kam sie zunächst kaum über die Reichweite eines Blogs hinaus.

Die einfache Logik lautet also: Wer besonders lange und gründlich im Geheimen hantiert, der treibt die Kosten für das Scheitern potenziell in die Höhe. Wer dagegen schnell agiert und mit rudimentären Versionen an den Markt geht, kann vielleicht ebensogut scheitern, allerdings schneller und damit zu deutlich geringeren Kosten. Das zieht noch einen weiteren spannenden Gedanken nach sich: Alles, was an dem Konzept geschäftskritisch, aber unsicher und risikoreich ist, sollte man so schnell wie möglich ausprobieren, denn nur so erhält man Klarheit über die Erfolgschancen des Projekts.

Diese Handlungsempfehlungen dürften komplett gegen die Intuition der meisten Menschen gehen. Und doch sind sie heute mehr oder weniger Standard. Ein aktuelles Beispiel: ProductHunt, inzwischen eine der führenden Verbreitungsplattformen für neue Startups in den USA, startete zunächst als simpler, manueller Newsletter. Erst nachdem klar wurde, dass die rudimentäre Umsetzung des Konzepts einen Nerv traf, hat der Gründer eine Webseite entwickeln lassen (was auch nur ein paar Tage gedauert hat). Die Leistung besteht also darin, für eine Idee die einfachste, schnellste und kostengünstigste Umsetzung zu finden, um damit erst einmal den Markt zu testen. Wenn die Umsetzung dann nicht funktioniert, hat man etwas Wichtiges gelernt und außerdem die Chance, den Fehler genauso schnell und kostengünstig zu korrigieren. Diesen Grundgedanken der kreativen Lösungsfindung, des frühen Markteintritts und der schnellen Iterationen findet man in vielen Konzepten wieder: Scrum, Lean, Bootstrapping, Design Thinking oder was auch immer.

Produkt-Entwicklung: Entwicklungsphasen und Lernschleifen

Bei den aktuell propagierten Methoden gibt es zwar im Detail zahlreiche Unterschiede, dennoch erkennt man gemeinsame Linien. Beispielsweise arbeiten alle Ansätze iterativ, dass heißt die einzelnen Schritte werden permanent wiederholt, um die Lösung stufenweise zu verbessern. Außerdem versucht man möglichst schnell, die Ideen zu validieren. Und auch die einzelnen Phasen ähneln sich bis zu einem gewissen Grad.

Beim Lean-Startup unterscheidet man zwischen drei Phasen:

  • Problem-/Solution Fit (ein Problem und die passende Lösung finden)
  • Product-/Market Fit (aus der Lösung ein Produkt entwickeln und ein Business-Modell finden)
  • Scale (Wachstum generieren).

Innerhalb dieser linearen Phasen arbeitet man iterativ, verbessert das Produkt also ständig über Feedback-Schleifen. Dieser Cycle wird meist so beschrieben:

  • Idea -> build
  • Product -> measure
  • Data -> learn

Schema Lean Startup

Man generiert eine Idee und baut ein Produkt. Im ersten Zyklus erstellt man erst einmal ein Minimal Viable Product (MVP): Das denkbar einfachste und rudimentärste Produkt, das nur die Kern-Funktionen enthält. Mit dem Produkt werden (Nutzer-)Daten generiert, aus denen man seine Learnings zieht und neue Ideen für ein verbessertes oder gänzlich anderes Produkt entwickelt.

Im Design-Thinking unterscheidet man zwischen fünf Phasen:

Schema Design Thinking

  • Empathy (ein Problem verstehen, zum Beispiel durch Beobachtung und Befragung),
  • Define (aus den Beobachtungen eine klare Definition ableiten),
  • Ideate (eine Lösung für das Problem finden),
  • Prototype (für die Lösung einen ersten Prototypen entwickeln),
  • Test (den Prototypen mit der Zielgruppe testen).

Beim Design-Thinking legt man weniger Wert auf die Suche nach einem Business-Modell, sondern konzentiert sich auf die Lösung eines Problems (vergleichbar mit der Problem/Solution-Fit-Phase im Lean-Startup). Umgekehrt konzentriert man sich beim Lean-Startup-Modell nicht explizit auf die Erforschung eines Problems, sondern schaltet mit einem Minimal-Viable-Product recht schnell in den Trial & Error-Modus. Beim einen steht eher der Nutzer im Fokus, beim anderen eher das Produkt. Gemeinsam versuchen jedoch beide Ansätze möglichst schnell herauszufinden, ob der eingeschlagenen Weg richtig oder falsch ist. Und gemeinsam ist den beiden Ansätzen auch, dass man die Richtung über die iterative Herangehensweise immer wieder korrigiert.

Phasen (Tags) für die Trendschau

Die Idee hinter der (neuen) Trendschau war ja, die Artikel nach den Entwicklungsstufen eines Web-Projektes zu sortieren und diese Entwicklungsstufen auf einer zentralen Seite zu visualisieren. Da ich mich nicht auf eine spezielle Methode festlegen will, werde ich (zumindest als Arbeitsversion) allgemeinere Phasen nehmen, die meiner eigenen Arbeitsweise entsprechen und in denen man dennoch die genannten Methoden abhandeln kann:

  • Idea (Nutzer, Visionen und Validierung)
  • Concept (Wireframes, Mockups und Screendesigns)
  • Code (Beispiele, Tools und Frameworks)
  • Growth (Metrics, Content und Marketing)

Zugegeben wieder ein eher linearer Ablauf, aber das ganze kommt dem allgemeinen Verständnis von Web-Projekten vermutlich recht nahe und eignet sich zudem gut zur Strukturierung der Inhalte. Innerhalb der einzelnen Phasen würde man dann wieder iterativ vorgehen.

Fazit

Die wichtigste Botschaft aus diesem Beitrag lautet: Hab keine Angst vor dem Scheitern bzw. vor Fehlern, denn genau genommen liegt gerade darin der Schlüssel zum Erfolg. Daher überwinden wir jetzt unsere Ängste und fangen im nächsten Teil der Serie damit an, die Vision auf Papier zu bannen…

Dieser Beitrag gehört zu der Serie "Webseite". Das sind alle Artikel der Serie:

Wenn du ein Web-Projekt von A-Z erstellen willst, findest du im Themenüberblick viele Artikel zu jedem Schritt.