WordPress: Warum es kaum Alternativen gibt

29.06.2017

Es gibt immer mehr tolle und moderne Systeme, die als Alternativen zu WordPress gehandelt werden. Ganz so ist es nur leider nicht...

Wenn man nach Alternativen zu WordPress fragt, sollte man erst einmal begründen, warum man überhaupt eine Alternative sucht. Schließlich wird (angeblich) jede zweite CMS-basierte Webseite mit WordPress gebaut. Und soweit läuft doch alles prima.

Wenn es mal nicht läuft

Wie alle Wahrheiten auf der Welt stimmt auch diese nur unter einem bestimmten Blickwinkel. Mein letzter Kontakt mit WordPress fand nach langer Abstinenz vor einem halben Jahr statt. Damals bot sich für die schnelle, schmutzige Umsetzung eines neuen Webseiten-Konzepts eigentlich nur WordPress an. Also runtergeladen, diverse Plugins zusammengesucht, ein schnelles Theme gebaut und ein oder zwei kleine Plugins selbst geschrieben.

WordPress

Mein Gefühl dabei war von Anfang an nicht gut. Zum einen, weil ich kein WordPress Entwickler bin. Zum anderen, weil schnelles Prototyping mit einem Ungetüm wie WordPress meistens übel endet. So war es dann auch: Das automatische Update von WordPress funktionierte in meinem Setup nicht und das manuelle Update mit FTP ist bei dem enormen Code-Umfang von WordPress kein großes Vergnügen. So kam es, wie es kommen musste: Meine Version war nach ein bis zwei Monaten nicht mehr zu 100% aktuell.

Überflüssig zu erwähnen, dass WordPress auch in diesem Zeitraum wieder diverse Sicherheitslöcher hatte, die erst mit automatischen Updates geschlossen und dann publiziert wurden. Anschließend fielen die Script-Kiddies wie ein Mückenschwarm über meine Seite her.

Nachdem ich viel Zeit damit versenkt hatte, die Seite zu sperren, den Code aufzuräumen, ein zusätzliches Sicherheitsplugin zu installieren und alle Updates manuell zu fahren, habe ich die einzig sinnvolle Konsequenz gezogen: Ich habe mein Webseiten-Konzept radikal vereinfacht und WordPress anschließend entsorgt. Seitdem läuft die Seite über ein selbst entwickeltes, minimales Flat-File-System ohne Datenbank, ohne Admin-Bereich, ohne Plugins und ohne Sicherheitslecks. Damit ist Ruhe im Karton und ich kann mich ausschließlich auf das konzentrieren, was die Seite wertvoll macht: Die Inhalte.

Der Fehler in der Story fängt schon beim Konzept der Webseite an: Das Konzept war einfach zu komplex und nicht auf das Wesentliche reduziert. Genau in solchen Fällen klingt das Versprechen von WordPress, jeden noch so speziellen Wunsch kostenlos und in Eigenregie umsetzen zu können, so enorm verlockend. Doch Kosten entstehen natürlich trotzdem, nur an anderer Stelle und oft erst im Nachhinein.

Warum es trotzdem kaum Alternativen gibt

So weit so Konsens. Aber was würdet Ihr für Alternativen zu WordPress empfehlen? Die Standard-Antwort klingt meistens salomonisch: Es kommt ganz darauf an, wer mich fragt und was er will.

Gut. Wenn mich ein zahlungskräftiger Kunde als Dienstleister fragt, dann hätte ich für jede Lebenslage mindestens 10 Antworten parat. Denn abseits von WordPress, Drupal, Joomla und Typo3 gibt es inzwischen viele moderne und extrem gute Systeme. Mir ist daher völlig schleierhaft, weshalb so viele Projekte und Unternehmen mit ausreichendem Budget auf WordPress setzen.

Wenn mich ein Entwickler fragt, dann habe ich mindestens 20 Antworten parat, denn einem Entwickler steht die ganze Welt hervorrangender Lösungen offen. Und gerade bei der Entwickler-Szene habe ich zunehmend den Eindruck, dass WordPress immer häufiger zur zweiten Wahl wird.

Wenn mich jedoch ein Bekannter fragt, der einerseits kein Geld ausgeben will, andererseits aber auch noch nie eine Zeile Code geschrieben hat (und keine schreiben will), dann komme ich ziemlich ins Schwitzen. Die einzige Antwort wäre: Nimm einfach einen Website-Builder oder, wenn du selbst hosten willst, vielleicht … WordPress. Obwohl ich weiß, dass ich den Bekannten damit potenziell in das beschriebene WordPress-Dilemma schicke.

Genau da sind wir beim Punkt: WordPress hat seine Dominanz nicht über zahlungskräftige Kunden oder über professionelle Dienstleister erlangt, sondern über den normalen Nutzer, der ohne Code-Kenntnisse eine eigene Seite betreiben will. WordPress ist der selbstgehostete Website-Builder für Jedermann und vielleicht sogar die eierlegende Wollmilchsau. Und so sehr sich WordPress aus meiner Sicht inzwischen verirrt hat, so alternativlos ist dennoch (bislang) im Ganzen sein Konzept.

Alternativen, die keine sind

Dennoch geistern im Netz permanent Artikel über angebliche Alternativen zu WordPress herum. Drupal, Joomla oder Typo3 erwähne ich erst garnicht, weil diese Systeme jeder kennt und damit auch jeder weiß, dass sie eine völlig andere Philosophie verfolgen und sich an andere Zielgruppen richten. Bei neueren, unbekannteren Systemen ist die Einordnung schon schwieriger.

Nicht falsch verstehen, die unten aufgelisteten Systeme sind alle absolut hervorragend oder zumindest sehr vielversprechend. Und für Entwickler oder spezielle Anwenderkreise sind Grundkenntnisse solcher Systeme aus meiner Sicht ein Muss. Aber aus der Perspektive des typischen WordPress-Anwenders sind sie nur sehr bedingt oder sogar überhaupt keine Alternative. Und das wird in vielen Artikeln nicht so richtig klar.

Ghost

Ghost ist eines der ganz wenigen Systeme, die sich explizit als Alternative zu WordPress bezeichnen. Der große Hype um Ghost ist schon einige Jahre her und nach meinem Empfinden etwas verflogen. Ich kann zu Ghost nicht viel sagen, weil ich es vor Jahren mal installiert, aber nie aktiv genutzt habe.

Ghost CMS

Ghost ist im Zuge des Hypes um das serverseitige JavaScript-Framework Node.js und dem allgemeinen Trend zum Frontend-Engineering entstanden. Im Gegensatz zu PHP oder JavaScript ist Node.js (kurz gesagt, serverseite JavaScript-Umgebung) keine Technologie, die für Anfänger in irgendeiner Weise geeignet ist, sondern Node erfordert erst einmal eine sehr steile Lernkurve. Hinzu kommt, dass Node.js von Standard-Hostern bzw. den Standard-Hosting-Packeten wie HostEurope, Strato und Co. bis heute nicht angeboten wird. D.h. man ist auf spezielle Hoster oder Hosting-Pakete angewiesen. Dementsprechend bietet Ghost einen eigenen Hostingservice an. Die Festlegung auf die Auszeichnungssprache Markdown für die Content-Erstellung sollte man bei der Auswahl ebenfalls beachten. Von daher: Ja, Ghost ist eine Alternative, jedoch mit gewissen Eigenheiten.

Craft

Craft ist ein sehr neues Content Management System und mein persönlicher Favourit. Die Nutzer-Oberfläche ist ein Traum. Die Architektur ist sauber und modern. Konzepte wie die Custom Fields, die Matrix Fields und der Visual-Field-Builder sind clever und lassen Entwickler Templates komplett über die Oberfläche bauen, ohne eine Zeile Code zu schreiben.

Craft CMS

Und dennoch: Craft ist in keinster Weise ein Self-Service-System für jedermann, sondern richtet sich ganz gezielt und ausschließlich an Entwickler. Es gibt kein einziges Theme für Craft, weil Craft davon ausgeht, dass der Nutzer seine Themes selbst entwickelt. Craft ist ein perfektes Werkzeug, mit dem man Content erstellen, modellieren und managen kann. Aber Craft ist kein Website-Builder für Endnutzer nach dem Muster von WordPress. Dagegen ist Craft ganz sicher der richtige Kandidat, um im Dienstleistungsbereich Systemen wie Typo3 und Drupal Konkurrenz zu machen. Craft ist übrigens nicht Open Source, sondern kostet eine kleine Lizenzgebühr.

ProcessWire

Bei ProcessWire kann man sich kurz fassen: Das System ist fest etabliert und seit 2007 als Open-Source-Lösung auf der Welt. Genauso wie bei Craft gibt es auch für ProcessWire keine Themes. Es ist also ein reines (sehr gutes) Werkzeug für Entwickler.

ProcessWire

Im Atemzug von Craft und ProcessWire könnte man auch noch Bolt erwähnen, von dem man hier und da mal liest. Bolt ist die intern entwickelte CMS-Lösung einer Web-Agentur, was über das Einsatzgebiet des CMS schon alles sagt.

OctoberCMS

OctoberCMS ist ebenfalls ein neuer Kandidat, der im Jahr 2014 entstanden ist. Und October bringt eine ganze Menge nützlicher Plugins und Themes mit.

October CMS

October kann bis zu einem gewissen Grad als Alternative gelten. Allerdings richtet sich auch October mit seinen Features eher an die Entwickler-Gemeinde, und weniger an den normalen Autor. Die etwas gewöhnungsbedürftige Autoren-Umgebung mit einem Markdown-Editor ist ein Zeichen dafür. Dafür sticht für Entwickler das einfache Konzept der Template-Erstellung über einen integrierten Code-Editor direkt im CMS hervor.

Grav

Als Grav im Jahr 2014 das Licht der Welt erblickte, wurde das System in einer bestimmten Nische extrem gehyped. Grav kommt aus der Welt der sogenannten Flat-File-Systeme. Flat File Systeme benötigen keine Datenbank, sondern speichern die Inhalte in Files ab, was bei der Installation, Pflege und Performance große Vorteile bringen kann. Rocket-Theme und dessen Gründer Andy Miller als Initiatoren von Grav schürten bei vielen die Erwartung, dass eine schlanke, datenbanklose Open-Source-Alternative zu WordPress mit einem umfangreichen Kosmos an Themes und Plugins entstehen könnte.

Grav CMS

Diese Erwartungen wurden aus meiner Sicht jedoch nur bedingt erfüllt. Zwar gibt es tatsächlich recht viele Themes und Plugins. Allerdings orientiert sich auch Grav in erster Linie an den Bedürfnissen von Entwicklern und Webseiten-Administratoren und weniger an den Bedürfnissen von Autoren und Content-Managern. Für meinen Geschmack gibt es dadurch bei Grav einen Feature-Overload und viel zu viele technische Abhängigkeiten, während die Usability für Autoren schlicht auf der Strecke bleibt. Zudem ist das System teilweise unausgereift, manche Features sind toll gedacht (z.B. die Module für One-Pager), aber in ihrer jetzigen Form zumindest für Autoren kaum brauchbar. Aber abwarten, nicht ganz ausgeschlossen, dass sich Grav in Zukunft noch zu einer schlanken Alternative entwickelt. Für Entwickler ist es sicherlich schon heute ein lohnenswertes System.

Kirby

Auch Kirby gehört zur Welt der Flat File Systemen und ist im Vergleich zu Grav sehr ausgereift und klar fokussiert. Und dieser Fokus richtet sich ganz eindeutig an Entwickler, die für einen speziellen, eher kleineren Anwendungsfall ein einzelnes und mit dem System verwobenes Theme erstellen möchten. Ein Wechsel von Themes per Knopfdruck ist bei Kirby nicht vorgesehen und Kirby versteht sich auch ganz sicher nicht als generelle Alternative zu WordPress.

Kirby CMS

Für die beschriebenen Anwendungsfälle ist Kirby jedoch nach wie vor eines der besten und beliebtesten Werkzeuge. Es macht sich als schlanke Lösung im Portfolio eines jeden Dienstleisters gut. Eine weitere Alternative ist das Flat File System Statamic, das ein ganzes Eckchen teurer ist und ein wenig wie die Flat-File-Variante von Craft wirkt. Statamic wird inzwischen auch vom Laravel-Framework promoted.

Anchor

Anchor ist ein reines Blog-System und wurde ebenfalls vor ein paar Jahren hoch gehandelt. Das System ist extrem schmal (500kb) und folgt dem Motto back to the roots. Allerdings ist es inzwischen recht still um Anchor geworden. Das letzte Release stammt vom Februar 2016.

Anchor CMS

Anchor ist ein sehr reduziertes und kleines Blog-System, das mit Markdown und einem eher eingeschränkten Bild-Management arbeitet. Die Konfiguration von Anchor (vor allem unter Localhost mit Sub-Directory) empfinde ich als etwas nervig, dafür gibt es einige Themes zur Auswahl. Mit WordPress ist Anchor in keiner Weise vergleichbar. Es ist eher eine Alternative für absolute Minimalisten und Puristen.

Eine unbekanntere Flat-File-Alternative zu Anchor wiederum ist HTMLy. HTMLy funktioniert relativ gut out of the Box, es gibt allerdings nur wenige Themes und das Autoren-Dashboard ist … sagen wir mal … nicht so hübsch.

Weitere Standard-Empfehlungen

Es ist müßig, die Liste weiterzuführen. Häufig werden noch folgende Systeme genannt:

  • Drupal, Joomla, Typo3: Das sind alles klassische Agentur-Systeme eher aus dem B2B-Bereich, ich sehe wirklich absolut keinen Grund, klassischen WordPress-Nutzern diese Systeme zu empfehlen. Ein Wordpress-Nutzer kann sich ja mal den Spaß machen und Typo3 installieren (oder es zumindest zu versuchen) …
  • Squarespace, Wix, Jimdo und Co: Das sind klassische Website-Builder mit monatlicher Gebühr und eben keine selbstgehosteten Systeme. Dennoch: Für Endnutzer ohne Code-Kenntnisse vielleicht die einzige sinnvolle und flexible Alternative, wenn es um die eigene Webseite geht.
  • Medium, Tumblr und Co: Klar, sind Alternativen, aber eben nicht selbstgehostet, sondern Plattformen.
  • Jekyll: Bei solchen Empfehlungen muss ich immer etwas schmunzeln. Jekyll ist ein statischer Site-Generator, der auf Blogs spezialisiert ist. Sehr hip, aber ich wünsche Otto-Normalverbraucher viel Spaß mit der Konsole.
  • Text Pattern: Ja, das gibt es glaube ich auch noch.
  • Expression Engine, Contao, Neos, [trage hier ein beliebiges CMS deiner Wahl ein]: Alles tolle Content Management Systeme, aber alle eher B2B und Entwickler-orientiert.

Fazit

Ich fasse mich mal kurz: Für WordPress als Gesamt-Konzept gibt es aus meiner Sicht keine richtigen Alternativen. Man könnte wieder die alte These von der natürlichen Monopol-Bildung im Web bemühen. Dennoch wundert man sich, dass angesichts der offensichtlichen Schwächen von WordPress für diesen speziellen Anwenderkreis keine neuen Projekte entstehen. Vielleicht macht WordPress am Ende doch alles richtig. Oder es liegt an der Einsicht, dass eine eierlegende Wollmilch-Sau für End-User seine Versprechen zwangsläufig nicht einlösen kann.

Wer dagegen selbst Entwickler ist oder Systeme für speziellere Anwendungsfälle sucht, wird ev. auf der CMS-Review-Seite cmsstash.de fündig.

Wenn du ein Web-Projekt von A-Z erstellen willst, findest du im Themenüberblick viele Artikel zu jedem Schritt.

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